Was digitale Literatur kann

Die Digitalisierung prägt die gesamte Buchbranche und bringt die traditionelle Rollenverteilung ihrer Akteure durcheinander. Was heißt das für die Literatur? Neue Formate und Vertriebswege bedeuten auch Chancen für AutorInnen, die noch nie so einfach und unabhängig ihre Literatur veröffentlichen konnten.

Bisher war das so: AutorInnen schreiben Bücher, Verlage produzieren Bücher, Buchhandlungen verkaufen Bücher. Weitgehend ist das auch noch so. Doch mit der Digitalisierung verändern, verschieben und erweitern sich traditionelle Rollen.

Stichwort Self-Publishing

AutorInnen schreiben immer noch Bücher – aber in der digitalen Buchwelt übernehmen sie immer häufiger selbst die Aufgaben von Verlag und Vertrieb. „Self-Publishing“, das Veröffentlichen von Büchern im Eigen- oder Bezahlverlag, wurde in der Vergangenheit als Amateurtum belächelt. Das hat sich mit den digitalen Möglichkeiten geändert.

In den USA oder auch in Großbritannien boomt Self-Publishing. Dazu trägt vor allem Amazons Angebot „Kindle Direct Publishing“ bei, das es AutorInnen leicht macht, zu publizieren und zugleich einen deutlich höheren Gewinn zu machen als mit einem herkömmlichen Verlag. Mittlerweile gibt es einige Erfolgsgeschichten von AutorInnen, die in Eigenregie reich geworden oder von einem namhaften Verlag übernommen worden sind. Das bekannteste Beispiel: E. L. James, verantwortlich für die „Shades of Grey“-Trilogie und damit für einen der größten E-Book-Bestseller der letzten Jahre, wurde als Self-Publisherin entdeckt.

Neben „selbstgebastelten“ Büchern beginnt sich die Szene zu professionalisieren: Immer häufiger werden Dienstleistungen unabhängiger LektorInnen oder GrafikerInnen in Anspruch genommen. Auch arrivierte AutorInnen nutzen Self-Publishing für ihre Zwecke: Joanne K. Rowling beispielsweise vertreibt ihre E-Books über ihre eigene Plattform „Pottermore“.

In China ist die Netzliteratur nicht mehr aus dem Betrieb wegzudenken: „Es gibt keine Autoren unter 35, die nicht im Internet entdeckt wurden“, sagte der Geschäftsführer des Verlagshauses Penguin China zum „Economist“. Auch im deutschsprachigen Raum gewinnt Self-Publishing an Terrain – sichtbar etwa durch eine eigene „Self-Publishing Area“ auf der Frankfurter Buchmesse 2013.

Die Frage der Qualität

Bei E-Books im Allgemeinen und selbstverlegten Titeln im Speziellen dominiert die Genreliteratur: Fantasy, Herzschmerz und dergleichen. Doch auch im engeren Sinne literarische Texte haben Chancen in der digitalen Buchwelt. Elfriede Jelinek publiziert bereits seit Jahren ihre Texte online. Sie ist im Beirat von „Fiktion“, einem Modellprojekt deutsch- und englischsprachiger AutorInnen, das in der Digitalisierung „Chancen für die Wahrnehmung und Verbreitung anspruchsvoller Literatur weiterzuentwickeln sucht“.

Katharina Hacker, Trägerin des Deutschen Buchpreises, erklärte die Idee in einem Vortrag auf dem „E:PUBLISH“-Kongress 2013 in Berlin: „Fiktion ist ein Versuch und ein Selbst-Versuch. Für einen begrenzten Zeitraum werden, abseits ökonomischer Notwendigkeiten, Bücher in einem Autorenverlag sorgfältig publiziert und kostenlos digital angeboten. Eine analoge Veröffentlichung kann danach je nach Wünschen und Möglichkeiten der Autoren und interessierter Verlage erfolgen.“ Dabei gehe es zunächst nicht um den ökonomischen Erfolg, sondern um die Verbreitung der Texte. Das Projekt sieht sie als „respektvolle Ergänzung traditioneller Verlage“.

Neue Freiheiten und Formate

AutorInnen gewinnen mit der Digitalisierung neue Freiheiten beim Publizieren und Verbreiten ihrer Texte. Nicht zuletzt .öffnet die digitale Form Möglichkeiten für neue Formate. Kurztexte etwa, die in der herkömmlichen Buchwelt als unbeliebt und schwer verkäuflich gelten, kommen dem Leseverhalten der mobilen LeserInnen entgegen. AutorInnen können in Artikeln oder Essays rascher als in Form eines gedruckten Sachbuchs auf aktuelle Entwicklungen reagieren. Kurzgeschichten als digitale „Singles“ bieten AutorInnen eine Gelegenheit zu publizieren, anstatt jahrelang an einem Kurzgeschichtenband zu arbeiten, auf den der Buchmarkt nicht gerade gewartet hat.

Auch neue E-Book-Verlage bedienen diesen Trend: etwa das Berliner Start-up „mikrotext“, das sich auf literarische Kurztexte spezialisiert hat, oder der Hamburger Digitalverlag „CulturBooks“, der „ungewöhnliche Formate“ von der „Single“ bis zum „Longplayer“ bietet. Traditionelle Buchverlage bieten ebenfalls digitale Editionen an. Und natürlich spielt Big Player Amazon mit: Die in den USA erfolgreiche Reihe „Kindle Singles“ startete im Herbst 2013 mit deutschsprachigen Titeln.

Plattformen zur Vernetzung

Die Veröffentlichung im Internet bringt auch neue Wege der Vernetzung mit sich: Literaturplattformen bieten ein Forum für AutorInnen, die sich untereinander oder mit LeserInnen austauschen können. Bekanntestes internationales Beispiel ist die kanadische Plattform „Wattpad“, die von der Web-affinen Autorin Margaret Atwood kräftig unterstützt wird. Auf dem „YouTube für Bücher“, wie es Atwood nennt, können junge neben arrivierten AutorInnen publizieren.

Und mit immer innovativeren Social-Reading-Plattformen, wie etwa dem derzeit in der Beta-Phase befindlichen „sobooks“ des deutschen „Internetmenschen“ Sascha Lobo, werden AutorInnen künftig auch reichlich Feedback von den LeserInnen zu erwarten haben: welche Stellen werden kommentiert, welche Zitate geteilt.

Die Digitalisierung ist eine relativ neue Erscheinung der Buchwelt, die Verlage und AutorInnen noch vielfach unberührt in ihrer Arbeit lässt. Und nach wie vor gilt die Publikation in einem renommierten Verlag als Qualitätssiegel. Doch die Möglichkeiten für AutorInnen werden breiter und vielfältiger – eine der guten Seiten des viel gefürchteten Phänomens Digitalisierung.

Von Simone Kremsberger. Erschienen in Büchereiperspektiven 4/13.

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