NACHTGESICHTER

Dass es niemals finster wird, hat mich sofort fasziniert an der Stadt. Da, wo ich herkomme, wird es dunkel, wenn die Sonne untergeht.
Ich bin abends angekommen in der Stadt und was ich als erstes bemerkt habe, waren die Lichter. Straßenbeleuchtung, Leuchtreklame, Scheinwerfer und weggeworfene Aludosen auf der Straße, die alles silbrig reflektieren.
Ich trug einen gelben Pulli und eine blaue Hose. Ich kam mir grell vor im Licht. Seither habe ich meist Schwarz getragen.
Ich hatte mir ein Privatzimmer organisiert. Meine Eltern hatten mir ein Gastgeschenk für die Vermieterin mitgegeben. Die alte Frau schaute das Päckchen, das ich ihr in die Hand drückte, an, als wäre es eine Briefbombe, die uns beide in die Luft sprengen würde mitsamt dem schäbigen Flur, in dem wir standen, und den gelblich verfärbten Spitzen vor dem winzigen Fenster, oder ein fellloses Tier, das ihr gleich in die Hand kacken würde.
Sie stellte es auf die Vitrine, und da stand es, solange ich dort wohnte, unberührt, mit einem Häutchen aus Staub. Ich weiß nicht, was drin ist, meine Eltern haben es eingepackt.
Am ersten Abend rief ich meine Eltern an und sagte, es wäre schön hier und ich würde mich sicher bald einleben. Sie sagten nichts darauf, aber ich wusste, dass sie bedächtig nickten und dachten, ich würde schon wiederkommen. Keiner aus meiner Familie hat je in der Stadt gelebt, und sie sahen meinen Umzug als Ausflug an, als Eskapade, auch wenn sie das Wort nicht kannten.
Die ersten Wochen hielten mich die Lichter Tag und Nacht wach. In unregelmäßigen Abständen erhellten Scheinwerfer mein Zimmer. In diesen Nächten begann ich zu malen. Seltsame Bilder entstanden. Nur in den Hellphasen konnte ich sehen, was ich malte, und am Morgen staunte ich über meine nächtlichen Phantasien.
Tagsüber arbeitete ich. Wenn wenig los war im Geschäft, nickte ich ein. Einmal ertappte mich die Chefin und verwarnte mich. Ich malte sie als Schatten in mein nächstes Bild.
Erst hatte ich nur Bleistift und Schmierzettel, dann kaufte ich Acrylfarben und malte auf Leinwand. Die Farben rochen intensiv und die Vermieterin unterstellte mir, ich wolle mich daran berauschen und sie vergiften. Da lachte ich sie aus und sie sagte nichts mehr.
Ich besuchte zum ersten Mal eine Vernissage. Die Gäste schienen Regeln zu kennen, von denen ich nichts wusste. Wie man dastand. Wann man zum Buffet ging. Mit wem man den Sekt trank. Ich erzählte dem Galeristen, dass ich malte. Seine Begleiterin lächelte mich an, ohne mehr als die Lippen zu verziehen. Die Lippen glänzten karmesinrot.
Er sagte, er fände mich erfrischend und ich solle ihm die Bilder zeigen. Am nächsten Tag ging ich nicht zur Arbeit, sondern packte drei Bilder unter den Arm und ging zur Galerie. Er schien überrascht zu sein, als ich an seine Bürotür klopfte. Aber er war interessiert.
Wir verabredeten uns zum Essen. Ich trennte die Ärmel von einem alten Kleid ab, schnitt unten einen halben Meter weg und bemalte es mit meinen Farben. Er fand, ich sähe toll aus. Ein Paradiesvogel, sagte er. Die Kellner des Restaurants kannten ihn. Er bestellte uns Wachteln. Dann brachte er mich heim.
Ich schämte mich nicht für meine schäbige Herberge, aber ich wusste, dass die alte Vermieterin durch den Türspalt spähte, als wir die Wohnung betraten.
Wir gingen in mein Zimmer und er riss mit einer Bewegung mein Kleid auf. Sein Körper war an manchen Stellen alt.
Danach musterte er meine Bilder. Er wählte einige aus und versprach mir eine Ausstellung. Er ging vor dem Frühstück.
Die Vermieterin behandelte mich von da an mit Verachtung und ihr dicklicher Sohn grinste mich schmierig an, als er wie jede Woche die Miete abkassierte.
Ein Teil meiner Bilder wurde in einem kleinen Raum der Galerie unter dem Titel „Nachtgesichter“ ausgestellt. Alle wurden verkauft. Den höchsten Preis erzielte das zerrissene Kleid, das ich in einen Rahmen gespannt hatte.
Ich beschloss, auszuziehen. Mein Bruder kam, um mir beim Umzug zu helfen. Er hob die Brauen, als er mich sah, blass, mit färbigen Fingerspitzen und dunklen Ringen unter den Augen. Dann krempelte er die Ärmel hoch. Stück für Stück transportierten wir die Bilder, die an der Wand hingen und lehnten, hinaus. Als er zuletzt den Spiegel über dem Bett abnahm, sagte ich, der nicht, der gehört hierher, und mein Bruder starrte in eine Linse und sagte, was ist das.

Ich habe nichts zu der alten Frau gesagt. Mein Bruder hat sich mit dem Sohn getroffen.
Bald darauf reiste er ab. Die Stadt machte ihn nervös.

Der Galerist hat ein neues Mädchen und ich habe eine neue Wohnung. Er hat auch die restlichen Bilder ausgestellt und verkauft. Bei irgendwem schwebt der Schatten meiner ehemaligen Chefin an der Wand.
Manchmal tut es mir leid, keins der Bilder behalten zu haben. Denn mittlerweile kann ich nachts schlafen.

© Simone Kremsberger. Erschienen in kolik 34.

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