MITTERWACH

Er taucht die Nacht in dumpfes Licht
Er hüllt den Klang in Kleider
Er legt sich herrlich schwer auf mich
Und hält mich wach und müde

Es muss der Schnee sein. Am Abend hat es still zu schneien begonnen und Flocke für Flocke die Stadt weiß eingehüllt. Es ist die dritte Nacht, die sie wach liegt in diesem angebrochenen Jahr. Diesmal ist es anders, diesmal ist sie hellwach.
In den schlaflosen Nächten davor hat sie ins Dunkle gestarrt und ist sich vorgekommen wie eine Comicfigur mit weißen Augenkreisen im ansonsten schwarzen Bild. Heute ist die Nacht in ein helles Schneelicht getaucht, das durch die Ritzen der Jalousie ins Zimmer drängt. Sie sieht die Umrisse aller Gegenstände im Raum, das Bücherregal, den Drehstuhl, den Schreibtisch mit seinen Papierstapeln und dem Stehkalender.
Schlaf, denkt sie, und ertappt sich beim Denken. Schlaf, denkt sie, denkt sie. Nichts an ihr ist schläfrig. Jedes Glied fühlt sich kribblig an und die ganze Nacht absurd.
Morgen früh muss sie in die Arbeit. Das ist etwas Außergewöhnliches. Sie ist das, was man neue Selbstständige nennt. Sie arbeitet am Computer in einem Eck im Schlafzimmer, das sie Büro nennt, und geht nur für Termine außer Haus und für Besprechungen in den Verlag.

Lange nicht gesehen.
Fast zwei Monate.
Was sitzt denn auch immer daheim!

Ha, denkt sie. Witzig. Sie will keine alte Selbstständige werden. Sie schaut an die Decke. Es ist so hell im Zimmer, dass sie den feinen Riss im Putz sehen kann.
Altbau hat dicke Mauern, hat sie früher gedacht. Die dünnen Zwischenwände und Zwischendecken, mit denen die Wohnungen im Haus im Nachhinein voneinander abgetrennt wurden und die Schritte und Streite weiterleiten, hat sie erst später kennengelernt. Den Riss hat sie selber gemacht. Sie hat die Tür zugeknallt, dass das Zimmer gewackelt hat, und ihm dann zusehen können, wie er sich seinen zittrigen Weg gebahnt hat.
Ihr ist heiß. Sie schüttelt die Decke von sich. Neben ihr bewegt sich ihr Freund. Schnauft seufzend aus. Knirscht mit den Zähnen. Sie liegt still und lauscht, bis sein Atem wieder regelmäßig wird. Er schläft.
Sie fragt sich, was sie falsch gemacht hat und wann. Sie war Klassenbeste, hat ihr Studium in Mindestzeit abgeschlossen, währenddessen gearbeitet und danach ein renommiertes Praktikum in einer begehrten Stadt gemacht. Ihr Chef hat sie mit Lob behängt nach Hause geschickt. Dort hat plötzlich alles sehr klein ausgesehen. Auf ihre Bewerbungen hat sie eine Absage nach der anderen oder gar keine Antwort bekommen. Schließlich hat sie weitergemacht, wo sie aufgehört hat. Sie war nur keine Studentin mehr mit einem Nebenjob. Sie war nun neu und selbstständig und nahm keine Stelle an, sondern Aufträge entgegen.

Hast Zeit und Lust?
Gerne!
Danke!

Manchmal wäre ihr ein „Mach das!“ lieber, von einem Chef, der ihr etwas auf den Schreibtisch knallen würde und über den sie heimlich mit einer Kollegin in der Kaffeeküche maulen könnte, als diese ewige Höflichkeit in der Selbstständigkeit. Von einem verknautschten Walter-Matthau-Typ oder einer gestrengen Meryl Streep. Zumindest hätte sie eine Kollegin, eine Kaffeeküche und das Recht auf Grant. Es war anstrengend, immer gut gelaunt zu sein, immer dankbar zu sein und immer so flexibel wie der Auftraggeber spontan war.
Ich werde Journalistin, hat sie sich in ihren Träumen vorgestellt als junges Mädchen. Ich muss dann in die Redaktionssitzung, würde sie sagen. Dann würde sie losstöckeln in Rollkragenpulli, kurzem Rock und Pumps wie Julia Roberts, einen Skandal aufdecken, einen alternden Starreporter in die Tasche stecken und in verrauchten Räumen und sterilen Hotelzimmern eine sensationelle Story in die Tasten knallen. Internetrecherche und Provinztermine, Honorarnoten und Steuererklärungen kamen nicht vor in den Träumen und Filmen.
Du bist müde, denkt sie. Du bist müde, denkt sie, denkt sie. Sie überlegt aufzustehen. Sie will ihn nicht wecken. Sie will schlafen. Morgen muss sie fit sein, wenn das neue Projekt besprochen wird. Gewappnet, wenn sie ihr Honorar verhandeln muss. Verhandeln hat man ihr nicht beigebracht auf der Uni.

Können wir über das Honorar reden?
(Pause.)
Mehr ist im Budget nicht drin.

Geld ist mir nicht wichtig, hat sie gedacht, früher. Ich will etwas tun, wo ich dahinterstehe, was mir Spaß macht. Das kann sie sich nicht mehr leisten. Und für wenig Geld hat sie nicht genug Spaß.
Der Riss starrt sie an. Sie richtet sich auf. Ihr Freund rührt sich nicht. Leise setzt sie die Füße auf den Boden, sachte öffnet sie die knarzende Tür und geht ins Wohnzimmer. Aus den vorhanglosen Fenstern schaut die weiße Nacht herein. Sie nimmt die Decke vom Sofa, wickelt sich ein und öffnet das Fenster. Die Schneewand, die sich am äußeren Rahmen aufgeschichtet hat, stürzt in sich zusammen und landet lautlos unten im Hof.
Sie atmet die kalte Luft ein, haucht ein warmes Wölkchen aus und sieht zu, wie es sich auflöst. Vielleicht ist sie herausgewachsen aus ihrer Rolle und im Verlag warten sie insgeheim darauf, dass sie etwas anderes findet oder ein Kind kriegt und von der Bildfläche verschwindet, damit sie sich eine frische Studentin mit hoher Motivation und niedrigen Ansprüchen suchen können. Vielleicht hätte sie schon was anderes gefunden, wenn solche Jobs ausgeschrieben wären oder wenn sie jemand Nützlichen kennen würde.
Du musst ein bisschen Geduld haben, sagt ihre Freundin immer. Es wird sich schon etwas ergeben. Sie hat keine Geduld. Vielleicht sollte sie ihr Schicksal beschleunigen und einfach gehen.

Ich sehe hier keine Perspektive für mich.
Oder: Ich hau den Hut drauf.
Oder: Nein!

Und dann?

Es hat zu schneien aufgehört. Ein weicher Pelz liegt im Hof, auf den Bäumen, auf den Häusern nebenan und gegenüber. Die Stadt ist still. Sie schaut hinaus ins Weiß. Plötzlich ist sie müde.
Auf kalten Zehenspitzen tappt sie zurück ins Schlafzimmer, zieht die Tür leise zu.
Er brummt und dreht sich zu ihr, als sie ins Bett steigt und ihre kalten Glieder an seine drückt. Sie streichelt seine Wange, er zuckt zusammen. Ich wars nicht, sagt er. Was, sagt sie. Kurz öffnet er die Augen und schließt sie wieder. Weiß nicht mehr, sagt er.
Sie stellt sich vor, sie beide liegen im Schnee. Flocken fallen und decken sie allmählich zu. Schneekristalle glitzern in seinen Augenbrauen. Ihnen wird kalt, dann warm, dann spüren sie nichts mehr und liegen nur noch da und sehen den Schneeflocken zu, wie sie herunterschweben.
Sie breitet die Decke über sie beide aus. Egal, sagt sie. Schlaf.

© Simone Kremsberger. Erschienen in kolik 52

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