Ruth Klüger im Gespräch: „Im Grunde bin ich sehr sentimental“

Ihr Buch über das Weiterleben nach dem Holocaust machte Ruth Klüger berühmt. Mit „unterwegs verloren“ hat sie ihren zweiten Erinnerungsband vorgelegt. Im Interview spricht die Autorin und Literaturwissenschafterin über die Verantwortung des Erinnerns, die Frage nach dem Erfolg und ihre Abneigung gegen Kitsch.

Sie haben ein zwiespältiges Verhältnis zu Wien. Wie geht es Ihnen hier?
Es gibt für mich zwei Städte Wien: Die eine ist für mich die Stadt aus der Erinnerung. Ein bisschen frühes Familienleben, dass man Bücher entdeckt, das sind die positiven Sachen. Aber Wien selbst, die Gebäude, all das ist trächtig vor Bitterkeit. Und das andere Wien ist das, das ich seit „weiter leben“ kennengelernt habe. Diese zwei Stränge kommen nicht ganz zusammen, die laufen so nebeneinander her.

Ihr Buch „weiter leben“ wurde im Rahmen der Aktion „Eine Stadt. Ein Buch“ in Wien verteilt. Was bedeutet Ihnen das?
Das war eine große Freude: Dass das eigene Buch hunderttausend Mal verschenkt wird, passiert ja nicht jedem. Vor 20 Jahren hab ich angefangen es zu schreiben, und dass es derartig weiter wirkt, dass es „Beine hat“ und immer weiter läuft, ist weiß Gott welcher Qualität zuzuschreiben. Man hofft natürlich, dass es auch daher kommt, dass es ein gutes Buch ist, aber es muss noch andere Gründe haben. Einer ist wahrscheinlich, dass so wenig von dieser sogenannten Holocaustliteratur auf Deutsch geschrieben wurde.

War es für Sie immer klar, dass Sie das Buch auf Deutsch schreiben werden?
Ja, ich habe in Deutschland damit angefangen, als ich Direktorin eines kalifornischen Studienzentrums war. Dort habe ich eine ganze Reihe von Deutschen kennengelernt, die mir sympathisch waren und denen ich etwas erzählen wollte.

Sie schreiben, dass Sie mit „weiter leben“ Ihr „Zeugnis abgelegt“ haben.
Das bezieht sich auf die Verantwortung, die Überlebende der KZs von Anfang an hatten: Zeugnis darüber abzulegen, was geschehen ist, damit es nicht vergessen wird. Als ich das Buch geschrieben hatte, war das eine Erleichterung: Jetzt hab ich das gemacht.

Das Buch wurde zum Bestseller. Wie hat sich Ihr Leben dadurch verändert?
Ich war als Germanistin in Amerika tätig. Durch das Buch habe ich wieder Zugang zur deutschsprachigen Welt bekommen. Das hat eine neue Lebensphase eingeleitet. Ich habe jetzt Freundeskreise, wo überhaupt nichts war.

Bekommen Sie hier in Wien auch noch antisemitische Tendenzen zu spüren?
Na ja, wir sitzen da wieder mal vor dem Lueger-Denkmal … (Im Café Prückel.) Neulich hab einen Vortrag gehalten und jemand hat gesagt, es sei schön, wieder „jüdisches Deutsch“ zu hören. Ich spreche kein jüdisches Deutsch, ich spreche irgendein altmodisches Wienerisch. Das ist vielleicht keine antisemitische Bemerkung, aber sie macht einem bewusst, wie sehr die Leute merken, dass man jüdisch ist – dass sie an nichts anderes denken können.

Auch als Frau haben Sie im Privat- und Berufsleben Diskriminierungen erlebt.
Sie hoffentlich nicht. Es hat sich sehr gebessert. Ein Zweck von „unterwegs verloren“ war zu beschreiben, wie sich die Lage der Frau zum Guten geändert hat – und vielleicht auch eine Warnung, dass die jüngeren Leute nicht alles hinnehmen sollen.

Wie wichtig ist es heute noch für eine Frau, Feministin zu sein?
Ungeheuer wichtig. Die erste Frauenbewegung hat sich zerschlagen, nachdem sie ihr Ziel, das Wahlrecht, erreicht hatte. Das Resultat war, dass die Gleichberechtigung keine Fortschritte machte, im Gegenteil. Wenn Sie sich die alten Gremien und staatsstiftenden Gruppen ansehen – das sind alles Männer, da ist nicht einmal der Versuch, eine Renommierfrau da rein zu tun.

An den Universitäten herrscht ebenfalls ein Männerbetrieb … Das haben Sie in „unterwegs verloren“ auch am Wiener Institut für Germanistik kritisiert, wo Sie Gastprofessorin waren.
Ich muss dazu eines sagen, das liegt mir am Herzen: Die letzte Rezension, die Schmidt-Dengler (der im Sept. 08 verstorbene damalige Institutsvorstand) geschrieben hat, war über „unterwegs verloren“, und die war sowohl großzügig als auch gütig. Das hab ich eigentlich nicht verdient, es war ja sein Department, das ich angegriffen hab. Das rechne ich ihm im Nachhinein sehr hoch an.

Sie haben als Germanistin in Amerika eine erfolgreiche Karriere gemacht …
Das wird immer so gesagt, aber was heißt eigentlich Erfolg? Wirklich erfolgreich wäre, dass man an einer Universität etabliert ist, etwas für diese eine Institution tun kann, sie weiterbringt und zurückschaut und sagt, das war mal ein mittelmäßiges German Department, und jetzt ist es großartig … Das hab ich nicht, ich bin immer so viel hin und her gewandert.

Ich meine „erfolgreich“ auch in dem Sinn, wie Sie sich in der Männerwirtschaft durchgesetzt haben.
Na ja, nein, ich bin immer fortgelaufen, wenn’s brenzlig geworden ist.

Sie sind sehr streng mit sich selbst …
Wenn man kritisch mit anderen ist, muss man’s auch mit sich selbst sein. Für mich sind die erfolgreichsten Germanistinnen jene, die die meisten Frauen überredet haben zu promovieren. Ich war da nicht so einflussreich wie manche Kolleginnen – und die sind nicht so bekannt, wie ich es geworden bin, aber das war ja eine Art von Zufall.

Durch Ihre Bekanntheit haben Ihre germanistischen Arbeiten und Essaybände ein größeres Publikum erreicht. Das ist doch auch etwas, das auf die Germanistik zurückwirkt.
Meinen Sie? Das wär gut. Das werde ich jetzt nicht abstreiten …

In Ihren Büchern sind die Sprache, der Ton sehr klar und konsequent – nie sentimental oder kitschig. Hassen Sie Kitsch?
Nein, meine Abneigung gegen Kitsch kommt daher, dass ich das Gefühl habe, dass ich im Grunde selber sehr sentimental bin und dagegen ankämpfen muss.

Das gelingt Ihnen aber sehr gut!
Wenn Sie mich fragen, was ist an meinen Ansichten sentimental, so würde ich sagen, dass ich mir einbilde, dass die Zukunft besser werden kann, wenn meine Enkel daran teilhaben. Es gibt überhaupt keinen Grund zu denken, dass sie es besser machen werden als wir, aber es ist für mich sehr wichtig daran zu glauben.

Ist das denn sentimental?
Ja. Das ist rational nicht begründet. Es ist begründet in der Affenliebe, die man zu kleinen Kindern hat.

Welche Leser hätten Sie gerne für Ihre Bücher?
Viele natürlich! (Lacht.) Ich hätte gerne mehr Männer. Männer glauben immer, ich schreib nicht für sie. Ich hab ja nichts dagegen, von Frauen gelesen zu werden, aber Tatsache ist, dass Frauen mehr Bücher lesen als Männer und dass sie überwältigend mehr Bücher von Frauen lesen. Bei Lesungen sind fast nur Frauen, die paar Männer, die dabei sind, sind hingeschleppt worden. In meiner Weight-Watchers-Gruppe gibt es mehr Männer …

Und planen Sie weitere literarische Projekte?
Das Einzige, was ich gelernt habe, ist lesen und schreiben. Was soll ich denn jetzt machen, Daumen drehen? Solange es weiter geht, werde ich weiter schreiben.

Interview: Simone Kremsberger. Erschienen auf www.lesenetzwerk.at.

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