Die Textperformer

Poetry-Slams, Lesebühnen und Literaturperformances boomen. Viele junge Autorinnen und Autoren wollen nicht nur gute Texte schreiben – sie wollen sie auch performen und einen Draht zum Publikum spannen.

Da schauten – und lauschten – die Beatniks, als Ernst Jandl 1965 in der Royal Albert Hall loslegte und sein Napoleon-Gedicht „Ode auf N“ in die jubelnde Menge schnalzte. Englische und amerikanische VertreterInnen der Beat-Generation hatten sich in London vor 7000 Zuhörerinnen und Zuhörern zur „International Poetry Reincarnation“ versammelt. Jandls Vortrag kam beim Publikum trotz Sprachbarriere an. Der Grund: die Performance.

Lesung mit Feuer

Zur Präsentation von Literatur gehört auch der Vortrag. Manche Autorinnen und Autoren können es besser, andere tun sich schwerer. Wenn der Sessel knarzt, die Stimme schwankt und die Blätter rascheln, beginnt auch das Publikum unruhig auf den Sitzen zu wetzen. Wenn der Vortrag gelingt, der Text ankommt und womöglich auch ein Funke überspringt, hat der Autor gewonnen: im besten Fall neue und treue Leserinnen und Leser.

Einer, der das weiß, ist der Tiroler Autor Robert Prosser. Schlichtes Ablesen entspricht nicht seiner Vorstellung eines Vortrags: „Es soll während der Performance so viel Spannung zwischen mir und dem Publikum erzeugt werden, dass aus mir und dem Text ein Maximum an Rhythmik, Energie und Emotion rausgesprochen, -geschrieben und -geflüstert wird.“

Vor allem junge Autorinnen und Autoren experimentieren gern mit performativen Lesungsformen. Gelegenheit dazu bieten verschiedene Formate: Literatur- und Theaterhäuser laden zu Literaturperformances. Von Vorarlberg bis Wien bieten Lesebühnen jungen Schreibenden eine Plattform, um sich und ihre Texte zu präsentieren. Und seit einigen Jahren gibt es eine immer stärker präsente und vernetzte Poetry-Slam-Szene in Österreich.

Slam, Lesebühne und Performance

Gerade Poetry-Slams, deren Ursprünge im Chicago der 1980er-Jahre liegen, haben sich zu einer beliebten Veranstaltungsschiene entwickelt, mit der sich sowohl junge Leute in Literaturhäuser als auch Literaturinteressierte in Bars locken lassen. „Ein Poetry-Slam ist eine offene Bühne mit Wettbewerbscharakter, die Vielfalt nicht nur zulässt, sondern einfordert“, erklärt Mieze Medusa, die seit zehn Jahren in der Szene aktiv ist und als „Slam-Mama“ gilt. „Ob Lyrik, Prosa, Spoken Word, Kabarett, Performance, Dialekt … alles ist erlaubt, alles ist willkommen, was man in fünf Minuten mit Sprache und Stimme machen kann.“ Eine gute Slam-Performance mache eines aus: „Kontakt mit dem Publikum.“

Darum geht es auch bei den Lesebühnen, die sich in letzter Zeit nach Berliner Vorbild in Österreich etablieren. Ein Beispiel ist die Slam-Poetry-Lesebühne am Spielboden in Dornbirn. Der Unterschied zum Poetry-Slam: Hier wird „nur zum Vergnügen, also ohne Publikumsbewertung gelesen“. „Es gibt keine Benotung, das Publikum darf seine Meinung spontan und unbürokratisch kundtun – ohne Aufzeigen. Sogar Instrumente und Requisiten sind erlaubt“, wirbt die Linzer Lesebühne „Original Linzer Worte“. „Performative Literatur salonfähig machen“ ist das Ziel der Innsbrucker Lesebühne „Text ohne Reiter“.

„Der Literaturbetrieb ist in den letzten Jahrzehnten zu akademisch und etwas blutleer geworden“, meint die Autorin Sigrun Höllrigl. „Slam-Poetry ist die Gegenbewegung dazu. Es ist eine lebendige Erneuerungsbewegung von unten mit Mitmach-Charakter und einem Naheverhältnis zur Musik. Die neuen performativen Leseformen schaffen es, wieder breitere und junge Publikumsschichten für Sprache und Literatur zu interessieren.“ Höllrigl ist die Initiatorin der Veranstaltungsreihe „Art Visuals & Poetry“, bei der Visual Artists in einer Text-Bild-Performance gemeinsam mit Autorinnen und Autoren auftreten. Die bisherigen Veranstaltungen in Salzburg und Wien lockten rund 200 ZuseherInnen an. „Wir stehen jedoch noch ganz am Anfang. Es ist ein sehr junges Format.“

Generation Multitasking

Regelrechte Happenings machen somit der Wasserglaslesung Konkurrenz. Doch entsteht hier auch „ernst zu nehmende“ Literatur? Auffällig ist, dass sich viele der aktiven SlammerInnen keineswegs auf bühnengerechte Häppchentexte beschränken. Mieze Medusa aka Doris Mitterbacher hat 2008 mit dem Roman „Freischnorcheln“ debütiert, der zweite Roman ist in Arbeit. Robert Prosser stellt im Frühjahr – nach seinem Erstling „Strom“ – seinen zweiten Roman mit nicht minder geladenem Titel, „Feuerwerk“, vor. Ähnliches gilt für Kolleginnen und Kollegen: Mit Stefan Abermann und Nadja Bucher legen zwei Slam- und Lesebühnen-Erfahrene in dieser Saison ihre Romandebüts vor. Und umgekehrt finden auch Slam-Texte Eingang zwischen Buchdeckel. Die neuen jungen Textperformer sind vielseitig. „Multitasking“, bringt es Mieze Medusa auf den Punkt.

„Natürlich verstehe ich Autoren, die nichts von Lesungen halten, sondern sich rein auf Schreiben und Publikation konzentrieren“, meint Robert Prosser, „aber um es mal ganz platt zu formulieren: Da eine Note Musik braucht, warum nicht auch Literatur Performance?“

Und wer die Aufnahmen aus der Royal Albert Hall gesehen hat, muss zugeben: Auch Ernst Jandl hätte wohl nicht für derartige Begeisterungsstürme gesorgt, wenn er die „Ode auf N“ auf Papier ausgeteilt hätte.

Von Simone Kremsberger. Erschienen in Büchereiperspektiven 1/11 (Artikel als PDF).

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