Auszeit am See

Hilde Spiels früher Roman „Verwirrung am Wolfgangsee“ wiederaufgelegt

Ein „Puschelbuch“ schreibe sie, vertraute Hilde Spiel ihrem Tagebuch an. Als ihr früher Roman „Verwirrung am Wolfgangsee“ anlässlich des 100. Geburtstags der Autorin 2011 vom Wiener Milena Verlag wiederaufgelegt wurde, sorgte das vielfach für Verwunderung: Ausgerechnet die Geschichte einer Sommerliebelei sollte an die große Essayistin und Humanistin erinnern? Dementsprechend gering war die Resonanz. Der autobiografisch inspirierte Roman, der vom zwiespältigen Gefühlsleben junger Menschen in einer politisch wirren Zeit erzählt, verdient jedoch einen zweiten Blick.

Zwei junge Männer, zwei junge Frauen, ein Sommer außerhalb der Zeitläufte und ein wahrhaft blauer See bilden die Ingredienzen für Hilde Spiels dritten Roman. Die beiden Belgier Vincent und Pierre haben ihre Beziehungen und den Alltag hinter sich gelassen und fahren in ihrem kleinen Ford mit dem väterlichen Freund Pourtalès durch Europa. Ein Ort, ein Eindruck nach dem nächsten wird gesammelt, nichts hält sie, bis sie in St. Wolfgang auf Therese und Gundel treffen. Es folgen einige Tage von wechselseitigen Gefühlswirren, Anziehung und Abstoßung. Der See bildet das Zentrum, wohin es die Männer nach Abstechern nach Linz, Wien und einem gemeinsamen Ausflug mit den Damen nach Salzburg immer wieder zurückzieht – bis es die Reisenden schließlich doch weitertreibt.

All das wird in flüssigem und beschwingtem Ton erzählt, Dialoge werden in einzelnen Sätzen hingeworfen, Naturbeschreibungen verorten das Geschehen, das sich vor allem auf emotionaler Ebene abspielt. Der Motor ist das Gefühl, doch vorm Abrutschen ins Sentiment und in den Kitsch ist die Autorin gefeit. Erzählt wird aus Sicht des Ich-Erzählers Vincent, ob aber der jungen Hilde Spiel die männliche Perspektive geglückt ist, ist zu hinterfragen. Viele Ruf- und Fragezeichen, manches „Ach“ und die doch recht arg- und harmlos geschilderte Innenwelt der Protagonisten scheinen jedenfalls bei heutiger Rezeption nicht ganz zu den testosterongeplagten jungen Männern zu passen. Wie jedoch die Hingabe an die Bewegung, die Freiheit und an den Moment, obwohl und weil er flüchtig ist, beschworen wird, ist keineswegs angestaubt.

Das Lebensgefühl ist authentisch, die Geschichte von der eigenen Biografie inspiriert: Spiel hat hier Erlebnisse des Sommers 1934 verarbeitet, als sie bei einem Aufenthalt am Wolfgangsee mit der Malerin Lisel Salzer zwei Belgier kennenlernte. Als sie nach St. Wolfgang reist, hat sie die Februarkämpfe in Wien miterlebt und sich bereits ernsthaft mit dem Gedanken der Emigration befasst. Erst möchte sie ihr Studium abschließen. Zwischen politischen Umbrüchen, ihren Studien, ihrer Arbeit an der Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle der Universität Wien, dem steten Schreiben von Geschichten und Artikeln und der Geselligkeit des Literaturzirkels im Café Herrenhof gönnt sie sich eine Auszeit, wie sie auch die Protagonisten in ihrem Roman erleben.

Ganz reflexionslos bleibt diese freilich nicht. Therese, die manche Parallele zur Autorin aufweist, bringt Zweifel am hedonistischen Sommerleben an und erinnert an die Realitäten des Weltgeschehens: „Ach, Sonne – See – (…) Manchmal kann man genug davon bekommen, glaubt mir. Oft denk ich, wie falsch es ist, wie es einen Schleier über alles breitet. Könnte man nicht meinen, es gäbe nur Schönheit und Ordnung in der Welt? Nein, das Wirkliche ist dahinter. Das Wirkliche kommt wieder nah, wenn man im Herbst in die Stadt zurückkehrt, wenn es wieder Zeitungen gibt –“ „Wir brauchen diesen Sommer“, entgegnet Pierre. „Mit seinen vergänglichen, kleinen Gefühlen, mit seinen harmlosen Scherzen, mit seinen müßigen Freuden, mit seiner unsinnigen Ernsthaftigkeit –“. Das Gespräch wird durch den Sturz eines kleinen Feriengasts ins Wasser jäh beendet. Gundel und Vincent eilen zur Rettung, und letztlich ist das Ereignis wieder nur Anlass für eine zarte Annäherung der aufgewühlten Herzen.

Der Roman ist nicht zufällig Hilde Spiels unpolitischstes Werk. 1934 arbeitet die 22-Jährige, die für ihr Debüt „Kati auf der Brücke“ mit einem Literaturpreis ausgezeichnet wurde, bereits am Folgeroman „Der Sonderzug“. Er wird zu ihrer großen Enttäuschung vom Zsolnay Verlag abgelehnt – wegen politischer Anspielungen, wie Spiel in ihren Memoiren schildert. Hinzu kommt, dass für den Absatz am deutschen Markt mittlerweile die Zugehörigkeit zur Reichsschrifttumskammer erforderlich ist. Ihre Idee eines „Sommerbuchs“ findet hingegen Anklang bei dem laut Spiel „zwielichtigen“ Verleger Ralph A. Höger – damaliger Ehemann ihrer Freundin Hansi, die später wiederum Vorbild für die mondäne Protagonistin im Exilroman „Lisas Zimmer“ abgeben soll.

Bereits beim Schreiben hadert Spiel mit sich selbst und als „Verwirrung am Wolfgangsee“ 1935 erscheint, ist sie mit dem Ergebnis nicht glücklich: Sie stößt sich an dem vom Verleger bestimmten Titel, weil er „nach Kino klingt und nach Vicki Baum“ – 1961 erscheint der Roman bei Rowohlt unter dem neutraleren Titel „Sommer am Wolfgangsee“, durchgesetzt hat sich dieser nicht – und bereut, streng mit sich selbst, die leichtfertige Verwertung des biografischen Materials. Die damalige Rezeption ist freundlich, Hermann Hesse lobt die Geschichte.

„Verwirrung am Wolfgangsee“ soll für längere Zeit das letzte Buch bleiben, das Hilde Spiel in deutscher Sprache veröffentlicht. Die Jahre vor dem „Anschluss“ erlebt sie als „verschwommene, verschmierte Zeit“. 1936, im selben Jahr, in dem Spiel ihre Dissertation abschließt, wird ihr hochgeschätzter Professor Moritz Schlick von einem ehemaligen Studenten ermordet. Der Mord und der anschließende antisemitische Hetzdiskurs in den Medien geben für Hilde Spiel den Ausschlag, Österreich zu verlassen. 1936 geht sie ins Londoner Exil, wo sie den deutschen Autor Peter de Mendelssohn heiratet und nach dem Überstehen der Kriegsjahre bis in die Sechzigerjahre eine temporäre Heimat finden wird. An das dichte erzählerische Frühwerk – drei Romane mit 24 Jahren – wird sie dort nicht anschließen können.

Dass in Hilde Spiels Jubiläumsjahr ausgerechnet dieses „leichte Sommerbuch“, wie „Verwirrung am Wolfgangsee“ seit Erscheinen bevorzugt attributiert wird, wiederaufgelegt wurde, während Essaybände und Memoiren der Autorin teils vergriffen sind, wurde von der Kritik moniert. Im soziokulturellen und biografischen Kontext hat das für Spiel ungewöhnliche „Werkchen“ jedoch durchaus seinen Platz im Schaffen der Autorin. Man mag es wie die Spiel-Forscherin Waltraud Strickhausen als „Kompromiss“ werten, als „erste Anpassung an die politischen Verhältnisse, denen Hilde Spiel durch die Entscheidung für das Exil zu entkommen suchte“. Man mag es mit Blick auf Zeitpunkt der Entstehung und Biografie der Autorin als Geschichte der Sehnsucht nach einer Welt lesen, in der innerer Aufruhr die größte Erschütterung darstellt. Und nicht zuletzt mag der Leser mit diesem frühen Roman eine weniger bekannte und nachgefragte Seite in Spiels Werk entdecken.

Wenn wir uns an Hilde Spiel erinnern, wie es anlässlich des Jubiläums erfreulicherweise der Fall war, gerät meist die „Grande Dame der deutschsprachigen Literatur“ ins Blickfeld, die als Kulturkritikerin und Essayistin versiert und vielgelobt war und als Figur im österreichischen Literaturbetrieb der Sechziger- und Siebzigerjahre polarisierte. Wer nicht allein die gesetzte Grande Dame, sondern auch die junge, gefühlsbewegte Autorin Hilde Spiel kennenlernen möchte, wird hier fündig werden.

Hilde Spiel: Verwirrung am Wolfgangsee. Milena Verlag, Wien 2011, 144 Seiten.

Von Simone Kremsberger. Erschienen in Literatur und Kritik 461/462, März 2012.

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