Arbeit auf Abruf

Eine Stelle fürs Leben: Was für unsere Eltern normal war, ist heute nicht mehr Realität. Immer mehr Menschen arbeiten in „atypischen“ Beschäftigungsformen. Was das für die Betroffenen und für das Sozialsystem bedeutet.

Punkt neun wird der Computer hochgefahren, mittags eine halbe Stunde gegessen, nach acht Stunden Tagwerk ausgestempelt und nach 40 Jahren winkt die Pension. So sah lange das „Normalarbeitsverhältnis“, das im 20. Jahrhundert den Arbeitsmarkt der Industrieländer prägte: eine unbefristete Beschäftigung auf Vollzeitbasis mit umfassender sozialrechtlicher Absicherung.

Neben diese klassische Form der Arbeit treten zunehmend „atypische“ Beschäftigungsformen. Nach einer Studie der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA) haben diese seit 1998 markant zugenommen. Neben Teilzeitarbeit sind vor allem befristete Arbeit, geringfügige Beschäftigung und Leiharbeit stark angestiegen. 2009 waren laut Statistik Austria fast 30 Prozent der unselbständig Erwerbstätigen atypisch beschäftigt.

Wo atypisch die Norm ist

Besonders betroffen sind Frauen: „Teilzeitarbeit ist für Frauen heute schon eher typisch“, sagt Jörg Flecker von FORBA. „Nicht weniger als 42 Prozent der weiblichen unselbständig Erwerbstätigen sind teilzeitbeschäftigt. Frauen stellen auch zwei Drittel aller geringfügig Beschäftigten.“ Eine andere Gruppe, die zunehmend von atypischen Beschäftigungsformen betroffen ist, sind die Berufseinsteiger. „Befristete Beschäftigung, freie Dienstverträge, Werkverträge oder Praktika sind da sehr verbreitet“, so Flecker. Eine Studie der Statistik Austria hält fest, dass bereits mehr als ein Viertel der Berufseinsteiger atypisch beschäftigt sind.

In manchen Branchen ist „atypisch“ bereits die Norm. „Im Medienbereich sind atypische Beschäftigungsformen sehr verbreitet, vor allem bei neuen Medien, z. B. im Online-Journalismus“, berichtet Andrea Schober von work@flex, der Interessengemeinschaft für atypisch Beschäftigte der Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier. Ähnlich sieht es im Kunst- und Kulturbereich aus: „In den seltensten Fällen – vor allem den freien, autonomen Kulturbereich betreffend – finden sich Normalarbeitsverhältnisse“, schildert Stefan Haslinger von der IG Kultur.

(Junge) Architekten und Wissenschafter können ebenso wenig mit einer Anstellung rechnen wie Callcenter-Agents und Taxilenker. „Eine ,gute StaatsbürgerInnenschaft‘, das ,richtige Geschlecht‘, ,AkademikerInnen als Eltern‘ und hohe formale Bildungstitel mindern die Risiken erheblich, vor prekären Arbeitsverhältnissen schützen sie aber nicht“, so das Kollektiv PrekärCafé, das sich im Bereich prekärer Lebens- und Arbeitsverhältnisse engagiert.

Wer ist hier flexibel?

Zwar wählen viele bewusst Projektarbeit oder Selbstständigkeit als Arbeitsform. Für die sogenannten „New Worker“ ist ein Angestelltenverhältnis mit Chef, 9-to-5-Tagen und einer Bürokaffeemaschine ein Horrorszenario – sie schaffen sich lieber ihre eigenen Regeln.

Doch nicht immer sind die flexiblen Arbeitsbedingungen frei gewählt. „Die neuen Arbeitsverträge sollen der individuellen Lebensplanung der ArbeitnehmerInnen besser entsprechen. Tatsächlich heißen atypische Beschäftigungsverhältnisse aber meist: Arbeit auf Abruf, das heißt, die Flexibilität liegt alleinig auf Arbeitgeberseite“, sagt Andrea Schober. Arbeitnehmer erhalten „Umgehungsverträge“, damit sich die Arbeitgeber Kosten ersparen. Hier findet man Scheinselbständige, die eigentlich angestellt werden müssten und sich weder auf Mindesthonorare noch auf arbeitsrechtliche Absicherungen stützen können; freie Dienstnehmer, die dieselbe Arbeit leisten wie angestellte Kollegen, aber zum Beispiel keinen Anspruch auf bezahlten Urlaub haben.

„Dilemma des Sozialstaats“

„Atypisch“ wird zu „prekär“, wenn aufgrund von unregelmäßigen Arbeitszeiten und Einkommen Alltag und Zukunft nicht geplant werden können, wenn arbeitsrechtlicher Schutz und soziale Absicherung fehlen. Die Folge ist laut Marcel Fink vom Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien „eine überproportional hohe Wahrscheinlichkeit nicht existenzsichernder Leistungen für ehemals atypisch Beschäftigte“, etwa bei Arbeitslosigkeit oder im Alter. Doch prekär wird es auch für den Sozialstaat: Wenn atypische Beschäftigungsverhältnisse von der Pflichtversicherung ausgenommen sind, kommt es zu Einnahmeausfällen in den beitragsfinanzierten Systemen.

„Es müssen neue, atypische Beschäftigungsformen geschaffen werden, um ein unkontrolliertes Ausbrechen von Arbeiten ohne jeden Vertrag einzudämmen“, erläutert Jörg Flecker. „Die neuen Beschäftigungsformen stellen aber zugleich Möglichkeiten zur Umgehung von Dienstverträgen dar. Deshalb wird versucht, sie wieder schrittweise in das Sozialversicherungs- und Arbeitsrecht einzubeziehen. Worauf es zu neuen Umgehungen kommt, die man wieder einfangen möchte … Das ist das Dilemma des Sozialstaats.“

Von Simone Kremsberger. Erschienen in henri 11.

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