Mamastyle

„Passt’s nicht oder gefällt’s nicht?“, fragte die Verkäuferin der Kaffee- und Allroundkette an der Kassa, als ich ihr die Jacke und den Kassenbeleg zurückgab.

Ich überlegte einen Moment. Man könnte nicht sagen, dass mir die Jacke nicht gepasst hätte. Sie hatte mir sogar irgendwie gefallen in ihrem pseudomodischen Animalprint, der vor zwei Jahren up to date war. Ich hatte sie heimgetragen und dann hatte ich mir vorgestellt, wie ich sie praktisch, wind- und wasserfest auf dem Spielplatz tragen und Mütter und Großmütter in derselben Jacke treffen würde. Irgendwann würde sie in den Abgründen des Kleiderschranks landen und dann in einem Secondhand und später im Müll und schließlich auf Jahrhunderte die Meere verschmutzen. „Sie deprimiert mich“, konnte ich der gutmeinenden Verkäuferin schwer sagen. „Sie passt nicht“, sagte ich.

Nun ist es so, dass ich Jahrzehnte meines Lebens doch auf mein äußeres Erscheinungsbild geachtet habe. Ich war nicht die modischste Person und ich hatte meine Generationsmerkmale als Teenie der Neunziger nicht zugunsten der Hipster- und Millennialmode abgeschüttelt. Aber ich hatte doch sowas wie meinen Style. Etwas, das in der Schwangerschaft zum Luxus wird. Einerseits, weil der Bauch noch schneller wächst als ein Baby, das mal draußen ist, und große Investitionen in Umstandsmode ad absurdum führt. Andererseits, weil es wirklich wenig gute Umstandsmode in ansonsten guten Geschäften zu kaufen gibt. Ich hatte das Glück, dass mir meine Freundin ihre Umstandsgarderobe lieh und dass sie in ihrer Schwangerschaft beschlossen hatte, sich mit Bauch gut fühlen zu wollen. Gerade in der Zeit, als sich der Körper umzuformen begann, aber noch entfernt von einer präsentablen Kugel war, war das Gold wert.

Seit das Baby da ist, ist Style das kleinste Element auf meiner Aufmerksamkeitsskala gewesen. Das ging so weit, dass ich zu Beginn tage-, vielleicht wochenlang mit zwei verschiedenen Schuhen auf Kinderwagenspaziergang ging. Irgendwann sah ich zu Boden und wunderte mich. Zuhause bemerkte ich, dass zwei Paare falsch zusammengestellt waren. Sweet Baby war übrigens makellos.

Babysachen sind entzückend. Wir haben Geborgtes, Gebrauchtes und wenn nötig Neues, alles süß, auch wenn nichts Sweet Baby überstrahlt. Der Mamastyle? Was gerade in die Finger kommt. Schwierig sind Wetter- oder gar Jahreszeitenwechsel. Wer hat Zeit, den Kasten umzuräumen? Wer möchte Kleider sortieren, wenn Baby mitspielt und „Wa-wa-wa!“-rufend alles durcheinander haut?

Hinzu kommt, dass die coolen schwarzen Sachen nicht mehr passen, im Alltag einer Pandemie wenig Daseinszweck haben und vom Baby für langweilig befunden werden. Herzlich lachen kann sie, wenn ich das Nachtleiberl mit dem Esel anziehe. Sie findet: Es braucht ein Gesicht. Zumindest ein Muster. Wenigstens etwas Buntes. Das Mamasein ist kompromisslos, der Mamastyle nicht. Aber in der Kaffee- und Allroundkette kaufe ich keine Mode mehr. Vielleicht funktionale Thermowäsche. Oder eine Jacke. Wer weiß.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s