Was Mutter schafft

Manche Menschen lesen gerne Romane, die gar nichts mit ihnen zu tun haben. Ich lese lieber Bücher, die mit meinem Leben zu tun haben. In letzter Zeit waren das einige Romane, in denen es um Mutterschaft geht.

Erst seit ich selbst diese Erfahrung durchleben darf, verstehe ich, wie Mutterwerden und Muttersein verändert. Wahre Metamorphosen vollziehen sich. Wunderschöne Verwandlungen und Verschiebungen. Und natürlich tauchen Fragen der Vereinbarkeit auf – mit Beziehungen, mit Arbeit und künstlerischem Schaffen. Das zeigt sich in den literarischen Beispielen.

Such a Fun Age

In Kiley Reids „Such a Fun Age“ engagiert die Protagonistin Alix eine Babysitterin, um ihre wenn auch oberflächliche Expertise als Schönbriefschreiberin und Speakerin in Buchform zu gießen. Als Emira aufgrund ihrer schwarzen Hautfarbe verdächtigt wird, das ihr anvertraute Kind zu kidnappen, gerät die Berufsbeziehung aus dem Gleichgewicht. Kiley Reid schreibt sehr aktuell über weiße Privilegien, alltäglichen Rassismus und missverstandenen Feminismus. Ich habe den vielgelobten und gehypten Roman gerne gelesen, die spannende Hauptidee erschien mir jedoch etwas ausgebreitet für die gesamte Geschichte.

Friends and Strangers

In J. Courtney Sullivans Roman „Friends and Strangers“ steht ebenfalls eine Mutter-Babysitterin-Beziehung im Zentrum. Die Sachbuchautorin Elisabeth ist mit ihrem Mann und ihrem Baby vom hippen Brooklyn in eine attraktionslose Collegestadt gezogen. Dort freundet sie sich mit der Babysitterin ihres Sohnes, der Studentin Sam an, und die Grenzen zwischen abhängigem Arbeitsverhältnis und Frauenfreundschaft verschwimmen. Ich mag Sullivans Romane und bin mit ihren Themen als Leserin mitgewachsen. „Friends and Strangers“ habe ich ausgesprochen gern und gebannt gelesen. Die Perspektiven der beiden weiblichen Hauptfiguren in ihren jeweiligen Stationen des Lebens sind sehr authentisch und glaubwürdig geschildert. Sullivan erzählt aber viel mehr als von einer Frauenfreundschaft. Es geht darum, wie viele Geheimnisse eine Ehe verträgt, wie viel Selbstverwirklichung eine Familie, wie viel Ethik und Moral ein gelungenes Leben. All das zwischen den Spannungen von urbanem Lifestyle und Kleinstadtleben, von Upperclass und Working People und der alles überlagernden Endlichkeit des Wirtschaftswachstums und des amerikanischen Traums.

Private Tunes

In Emily Goulds „Private Tunes“ ist die Protagonistin nicht Autorin, sondern auf dem Weg zur Musikerin, als ein Mann dazwischenkommt und ein Baby folgt. Laura entscheidet sich für die Mutterschaft und gegen die künstlerische Laufbahn auf der Bühne. Wir erleben mit, wie sie sich als alleinerziehende junge Mutter durchschlägt, wie Baby Marie zum Kleinkind und zum Teenager heranwächst und wie Laura versucht, ihre ursprünglichen Ambitionen schließlich dennoch zu verwirklichen. Emily Gould, die selbst eine einigermaßen schillernde Entwicklungsgeschichte in der New Yorker Medienszene durchlebt hat, erzählt eine Coming-of-Age-Story. Mit Zeitsprüngen lässt sie uns über Jahrzehnte hinweg in das Leben von Laura und später Marie blicken – mit herzzerreißend lebensechten Szenen vom innigen Miteinander mit einem Neugeborenen bis zum leidenschaftlichen Ringen zwischen Teenager und Mutter. Gould, die in ihrem Roman „Friendship“ bereits von Frauenfreundschaft erzählt hat, hat keine Scheu, komplizierte Gefühle und Beziehungen zu zeigen. Und sie stellt echte Fragen nach der Möglichkeit, Mutterschaft und Kunst zu vereinen.

Ich bin einigermaßen zufrieden mit dem Versuch, Mutterschaft und Lesen zu vereinen – dann, wenn das Baby schläft und ich gerade noch nicht.

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