Life in progress

Ab einem bestimmten Zeitpunkt im Leben, dann, wenn plötzlich nicht mehr alle Wege offen sind, die mal gangbar waren, beginnt das Zurückschauen das Vorwärtsdenken zu überlagern. Die daraus entstehenden Eruptionen sind guter Stoff für die Literatur. Ich lasse mich gerne von Romanen locken, die Rückblenden und Gegenwart verbinden und Erwartungen und Realitäten gegenüberstellen.

Es gibt eine Reihe gelungener Beispiele in der Literatur. Die US-Bestsellerautorin Rona Jaffe war wegweisend darin, Frauenleben nachzuzeichnen und von jungen Jahren in die erwachsene Welt zu verfolgen. Meg Wolitzer hat in „The Interestings“ davon erzählt, wie Ambitionen in das weitere Leben getragen werden. Ein aktuelles Beispiel ist „Expectation“ von der britischen Autorin und Schauspielerin Anna Hope, auf Deutsch bei Hanser unter dem Titel „Was wir sind“ erschienen.

Hope stellt drei Frauen ins Zentrum ihrer Geschichte. Lissa, Hannah und Cate verbindet eine Freundschaft seit dem College. Die charismatische Lissa möchte sich als Schauspielerin etablieren und muss erkennen, wie ihr Traum allmählich verblasst. Die seriöse und beruflich erfolgreiche Hannah kämpft damit, dass ihr Wunsch nach einem Kind nicht in Erfüllung geht. Die freiheitsliebende Cate ist zwischen ihrer aktivistischen Vergangenheit und ihrem konformem Familienleben hin- und hergerissen. Die unterschiedlichen Ziele der Frauen kollidieren, Vergleichs- und Konkurrenzdenken und kleinere und größere Fehler stellen ihre Freundschaft auf die Probe. Ja, bei manchen Aktionen könnte man meinen, dass diese Freundinnen keine Feindinnen brauchen.

Anna Hope erzählt aus drei Perspektiven und auf mehreren Zeitebenen von den miteinander verbundenen Frauenleben. Sie zeigt, wie manche Lebensentscheidungen passieren und andere bewusst getroffen werden müssen, was auf dem Weg hinzukommt und was verlorengeht. Aus den sehr nahekommenden Beobachtungen ihrer Protagonistinnen entstehen lebendige und sinnliche Eindrücke davon, wie es ist, eine Frau zu sein, eine Partnerin, eine Freundin, eine Mutter, ein Kind – ein Mensch, der eben noch jung war und sich plötzlich im Älterwerden findet, unperfekt und einzigartig, mitten im Life in progress.

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