Achtung vor dem Land

WaldStadtflucht und Landsehnsucht sind Phänomene der Zeit – und das bildet sich nicht nur in Urban Gardening, Biokistln und einem Landlustmagazinboom, sondern auch in der Literatur ab. Doch hier wird auch sichtbar, dass den Städtern das Land so geheuer nicht ist.

Populärstes Beispiel aus der neuen österreichischen Produktion ist Doris Knechts Bobo-goes-Kaff-Roman „Wald“, der vom Feuilleton etwas durchwachsen besprochen wurde und den ich sehr gern gelesen habe. Eine Modedesignerin scheitert an der Wirtschaftskrise und endet mittellos in einem Häuschen am Wald. Der Dekadenz des gehobenen Stadtkarrierenlebens wird das frugale Dasein am Rande einer Dorfgemeinschaft gegenübergestellt. Hier hat die Protagonistin nicht mit Luxusproblemen zu kämpfen, die Sorgen verschärfen sich vielmehr aufs Existenzielle. Die Menschen sind feindlich, die Natur ist bedrohlich, die eigene Identität wird in Frage gestellt. Am Ende steht aber doch eine versöhnliche Aussicht.

Nicht so in „Die Augen des Waldes“ („House of Echtes“), dem Debütroman des Verlagslektors Brendan Duffy. Auch hier sind es Folgen urbaner Lebensweisen, die eine Familie zum Umzug aufs Land veranlassen: die Finanzkrise, Burnout, Mobbing. Doch in dem Dorf kommt es schlimmer. Was sich (Stichwort: blutiger Tierkopf an der Schwelle) als Unheil andeutet, entwickelt sich zur existenziellen Bedrohung.

Eine wichtige Rolle in beiden Romanen spielt die Religion. In „Wald“ hat der katholische Großbauer Franz keine Skrupel, seine Nächste auszunutzen, und der religiöse Fanatismus der Dorfbewohner in den „Augen des Waldes“ treibt sie zu biblisch gerechtfertigten Untaten an.

„Achtung vor dem Land“ könnte man diesen Romanen aufs Cover kleben. Gefahr kann aber, begibt man sich erst auf fremdes und ländliches Terrain, auch aus den eigenen Reihen kommen: Das veranschaulicht uns der etwas langwierige und erfolgreich verfilmte Bestseller „Gone Girl“ von Gillian Flynn, in dem ein Ehepaar nach dem Umzug auf die Countryside geradewegs in die Beziehungshölle fährt.

Dass die Landerfahrung aber trotz Schwierigkeiten auch gut ausgehen kann, soll etwa Anna Qindlens Roman „Ein Jahr auf dem Land“ („Still Life with Bread Crumbs“) zeigen, der noch auf meiner Leseliste steht. Oder der kürzlich wiedergesehene 1980er-Yuppie-zieht-aufs-Land Film „Baby Boom“, der zwar im Plot Unglaubwürdiges mit Vorhersehbarem verbindet, aber dank Heldin Diane Keaton so witzig wie hinreißend gespielt ist. Am Ende schlägt die Karrierefrau einen Megadeal mit den New Yorker Geldgeiern aus, um selbst als Mutter und Unternehmerin am Land ihr eigenes Ding zu machen, Tierarztromantik inklusive. So stellen wir uns das Landleben lieber vor – und die Sehnsucht nach freier Natur und frischer Luft bleibt intakt.

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