Twitter? Keine Ahnung

„Schreiben, Texten, Bloggen, Twittern“ stand gestern im Rahmen der Erich-Fried-Tage 2011, die derzeit im Literaturhaus Wien stattfinden, zur Diskussion. Die Fragestellung, ob moderne Technologien die literarischen Verfahren und die literarische Produktion verändern, hatte mich angelockt. Hier tut sich derzeit eine Menge: Im Web 2.0 verändern sich unsere Gewohnheiten des Schreibens und Lesens. Es wird unmittelbarer kommuniziert, mehr denn je kommentiert. Social-Reading-Tools verbinden Leser und Autoren, Social-Reading-Networks stehen in den Startlöchern. Ein spannendes Thema also – wenn man sich dafür interessiert.

Wer denn unter den Podiumsgästen twittere, wollte die Moderatorin eingangs wissen, und es stellte sich heraus: keiner. Damit war Twitter rasch erledigt. Auch für Blogs konnte man sich nicht recht erwärmen. Literaturagentin Rebekka Göpfert verriet immerhin, dass Agenturen bei der Autorensuche Blogs beobachten; Klaus Nüchtern, der den Literaturdandy der alten Schule gab und die neuen Entwicklungen etwas höhnisch belachte, dass er ungern scrolle. Am meisten Affinität zu neuen Technologien zeigte Autor Michael Stavaric, der unter anderem im Digitalverlag publiziert. Er glaubte auch als einziger in der Runde an die Zukunft des angereicherten E-Books. Die beiden Comicverleger am Podium hatte man offenbar in Zusammenfassung der Randgruppen Kurzprosa, digitale Literatur und Bildgeschichte dazugeladen. Zu großen Ergebnissen gelangte die Runde – auch nach Anstößen im Publikumsgespräch – nicht.

Schade eigentlich. Allein zu Twitter – Waffe von Revolutionären, Fettnäpfchen von Politikern und Liebkind von Kreativ- und Medienleuten – gäbe es doch einiges zu erwähnen. Auch für die Literatur haben die 140 Zeichen ihren Reiz. Und gerade im Bereich der Lyrik, wo Form und Verdichtung eine wichtige Rolle spielen, einiges Potenzial. Ich habe über Monate und Jahre häufig und fast ausschließlich Twitterlyrik gepostet, und ja, der Kanal hat Verfahren und Produktion verändert. Aus der Platzvorgabe entstand eine bestimmte Form, aus dem unmittelbaren Publizieren eine gewisse Motivation und aus dem regelmäßigen Twittern ein Drang, fast ein Sog. Die Twitteratur mag eine Nische sein. Doch ganz abtun sollten wir die neuen Möglichkeiten, zu schreiben, zu publizieren und zu lesen, nicht. Wir stehen am Beginn einer Entwicklung. Und wir sind im Netz – jetzt.

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